Wie trainierst du ein
älteres Pferd?
Man sagt: „Man ist nur so alt, wie man sich fühlt.“ Aber gilt das auch für Pferde? Kannst du dein Pferd weiter trainieren, wenn es sich noch fit anfühlt? Oder solltest du bei älteren Pferden grundsätzlich kürzertreten?
Dr. Carolien Munsters, Bewegungsexpertin für Pferde, erklärt, worauf es beim Training älterer Pferde ankommt.
„Zu viel Ruhe führt zu Rost! Bewegung ist immer wichtig – besonders für ältere Pferde“, sagt Dr. Carolien Munsters von Moxie Sport, Expertin für Sportphysiologie und Trainingspraxis im Pferdesport.
„Je mehr ein Pferd steht, desto steifer wird es. Deshalb gilt: Je mehr es sich weiter bewegen und trainieren kann, desto besser. Natürlich hängt das auch vom Alter und von möglichen tierärztlichen Einschränkungen ab.“
Bewegung bedeutet dabei nicht nur Reiten, sondern auch viel freie, unbelastete Bewegung.
„Lass dein älteres Pferd so viel wie möglich draußen laufen – im Paddock oder auf der Weide. Das ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch für das seelische Wohlbefinden.“
Achte jedoch darauf, dass die Weide nicht zu nährstoffreich ist, damit dein Pferd nicht zu viel Energie, Eiweiß und Zucker aufnimmt.
Ist dein älteres Pferd noch in guter körperlicher Verfassung, kannst du es durchaus weiter reiten.
„Bis zu welchem Alter das möglich ist, ist von Pferd zu Pferd verschieden. Manche laufen noch mit 30 Jahren zufrieden unter dem Sattel, andere sind mit 18 schon ‚fertig‘. Das hängt von Körperbau, Gesundheitszustand und Vorgeschichte ab“, so Carolien.
Aufwärmen
Aufwärmen ist für ältere Pferde besonders wichtig.
„Aber der Begriff sagt es schon: Du musst das Pferd wirklich aufwärmen. Nur Schritt zu reiten reicht dafür nicht aus. Beginne mit etwa zehn Minuten lockerem Schritt, erhöhe dann allmählich das Tempo, baue zwischendurch Trab ein und reite große Bögen.“
Im Winter ist eine Abschwitz- oder Nierendecke beim Schritt-Reiten sinnvoll.
„Geschorene Pferde kühlen draußen schneller aus, und ältere Pferde reagieren oft empfindlicher auf Kälte.“

Tipp: Aufwärmen ohne Sattel

Dr. Carolien Munsters, Sportphysiologin
„Du kannst die Muskulatur schon vor dem Aufsteigen aktivieren. Das sogenannte Karotten-Stretching ist eine schöne Übung im Stall. Mit einer Karotte oder einem Leckerli kannst du dein Pferd zum Dehnen animieren. So trainierst du die Längsbiegung und die Rückenmuskulatur – genau die Muskelgruppen, die bei älteren Pferden oft schwächer werden.
Auch Bodenarbeit eignet sich sehr gut zum Aufwärmen, zum Beispiel an der Doppellonge oder an der Hand. Übe dabei ruhig die Biegung nach links und rechts, damit dein Pferd warm und geschmeidig wird, bevor Ihr losreitet.“
Training
Wie intensiv kannst du ein älteres Pferd noch trainieren?
„Viele Reiter haben Angst, ihr altes Pferd zu überfordern, und trainieren deshalb sehr vorsichtig. Das ist dann eher Bewegung als echtes Training. Dabei ist es völlig in Ordnung, ein älteres Pferd auch etwas arbeiten zu lassen – natürlich nur, wenn es das körperlich leisten kann.“
„Meist nimmt bei älteren Pferden eher die Kraft ab als die Ausdauer. Deshalb empfehle ich, ein- bis zweimal pro Trainingseinheit kurze, etwas intensivere Phasen einzubauen, um Muskelmasse und Kraft zu erhalten. Für ein älteres Pferd fühlt sich das schnell schon anstrengend an, aber du kannst zum Beispiel kurz etwas flotter galoppieren oder innerhalb der Gangarten mehr Übergänge reiten.“
„Auch kleine Hügel oder Brücken beim Ausreiten sind eine gute Möglichkeit, die Muskulatur zusätzlich zu fordern. Baue solche Elemente ruhig ein paar Mal pro Einheit ein, etwa zweimal pro Woche. So bekommt dein Pferd ausreichend Trainingsreize.“
Ist dein Pferd fit genug für kleine Sprünge? Dann nur zu.
„Das ist gut für den Muskelaufbau und bringt Abwechslung. Auch Cavaletti-Arbeit ist eine tolle Option. Natürlich alles in Maßen: Keine Rennen, keine hohen Sprünge – denk daran, dass auch die Gelenke schon älter sind.“

Tipp: Kurz und oft

Dr. Carolien Munsters, Sportphysiologin
„Ist dein Pferd klinisch fit, kannst du es problemlos drei Mal pro Woche 30 bis 45 Minuten reiten. So kannst du die Muskulatur aufbauen und erhalten. Einmal pro Woche lange Ausritte zu machen, ist dagegen keine gute Idee. Besser sind kürzere Einheiten, dafür öfter. Du bist dafür verantwortlich, dass dein Pferd für längere Ausritte ausreichend trainiert ist – also nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche.“
Nach dem Training ist vor dem Training
Beende jede Trainingseinheit mit mindestens zehn Minuten Cool-down-Programm.
„Das unterscheidet sich eigentlich nicht von jüngeren Pferden. Da ältere Pferde meist etwas weniger intensiv trainiert werden, geht es dabei weniger um den Abtransport von Stoffwechselprodukten, sondern mehr um die Erhaltung der Beweglichkeit. Variiere die Haltung: Lass dein Pferd mal etwas höher, mal etwas tiefer gehen und den Hals strecken. Du kannst auch neben deinem Pferd hergehen, um es zusätzlich zu entlasten. Zur Abwechslung kannst du deine Einheit auch mit etwas Bodenarbeit beenden.“


„Manche Pferde leiden stark unter Altersbeschwerden, Steifheit oder Arthrose. Ein wenig Steifheit oder ein längeres Aufwärmen ist normal. Wenn dein Pferd aber mehr als 20 Minuten Schritt braucht, um nicht mehr steif zu laufen, dann solltest du es nicht mehr reiten. Sprich in solchen Fällen immer mit deinem Tierarzt.“
Dr. Carolien Munsters, Sportphysiologin
Weitere Übungen
Wenn Reiten nicht mehr möglich ist, gibt es trotzdem viele schöne Möglichkeiten, dein Pferd in Bewegung zu halten.
„Zum Beispiel mit Bodenarbeit. So bleibst du aktiv mit deinem Pferd beschäftigt und es nutzt weiterhin seine Muskulatur. Wechsle dabei auch die Umgebung: nicht nur Reitplatz, sondern auch Wiese oder Wald.“
Eine weitere schöne Idee: Spazierengehen, Führen im flotten Schritt oder kleine Geschicklichkeitsaufgaben.
„Du kannst deinem Pferd beibringen, über eine Plane zu laufen oder an einem Regenschirm vorbeizugehen. Das hält es geistig fit. Und bürste dein Pferd weiterhin mehrmals pro Woche. Kurz gesagt: Schenke deinem Pferd weiterhin die Aufmerksamkeit, die es verdient.“



